Oskar Rudolf Schulze
Meister der Antwerpener Bartzwergzucht
Ein begehrter Leistungspreis bei den Hauptsonderschauen für Antwerpener Bartzwerge war in den 70er und 80er Jahren in der damaligen DDR der so genannte Wasserturm-Pokal. Es war ein Wanderpokal, der auf den HSS jeweils für das beste Tier vergeben wurde. Gestiftet wurde dieser Pokal 1977 von einem in Züchterkreisen in Ost und West gut bekannten Freund und Züchter von Antwerpener Bartzwergen, dem Bräunsdorfer Oskar Rudolf Schulze. Seinen Namen verdankt der Pokal dem Gasthof „Zum Wasserturm“ in Bräunsdorf, in dem besagter Rudolf Schulze am 27./28.Januar 1973 „seine“ 2. DDR-offene Sonderschau für Antwerpener Bartzwerge veranstaltete. Damals stellten sich 316 Tiere den Richtern. Aber der Bräunsdorfer Zuchtfreund hat sich nicht nur als Pokalstifter hervorgetan. Im Gegenteil: Seinen Aktivitäten ist es zu verdanken, dass die Zucht von Antwerpener Bartzwerge in der damaligen DDR erst so richtig in Schwung kam. Die Gegend um Freiberg und Bräunsdorf entwickelte sich durch seine Initiativen zu einem regelrechten Zentrum der Bartzwerg-Zucht.

Wasserturm-Pokal der SZG
Oskar Rudolf Schulze wurde am 19.06.1931 in Kleinvoigtsberg Kreis Freiberg/Sachsen geboren. Nach dem Besuch der Schule in Bräunsdorf arbeitete er zunächst ein Jahr in der Landwirtschaft seiner Eltern. Nach einer erfolgreichen Lehre als Sattler und einer Umschulung zum Polsterer, Tapezierer und Dekorateur war Schulze von 1953 bis 1958 bei der Wismut-Feuerwehr in Freital und von 1959 bis 1983 bei der Berufsfeuerwehr in Freiberg tätig. In dieser Zeit qualifizierte er sich zum Maschinisten und Berufskraftfahrer, so dass er alle Spezialfahrzeuge fahren konnte. Aus gesundheitlichen Gründen schied er aus der Feuerwehr aus und übernahm 1984 den Handwerksbetrieb seines Schwiegervaters als selbstständiger Sattler und Tapezierer, wo er inzwischen zum Meister avanciert war. Heute hat sich Rudolf Schulze aus dem Berufsleben zurückgezogen, steht seiner Firma aber immer noch mit Rat und Tat zur Seite.
Seine Liebe zur Geflügelzucht entdeckte Oskar Rudolf Schulze bereits in jungen Jahren in der elterlichen Landwirtschaft. Seine erste Liebe galt den Tauben. Damals züchtete er zunächst Sächsische Flügeltauben und Englische Tümmler. Als Rudolf Schulze 1951 heiratete, stellte er fest, dass die Familie seiner Frau seine Liebe zur Geflügelzucht teilte: Seit 1901 züchteten sein Schwiegervater und dessen Vater Sächsische Mondtauben und Sächsische Brüster. Da die Schwarzen Brüster fast ausgestorben waren, züchtete er diese wieder neu heraus. Schulze war nicht nur ein fleißiger Züchter, er war auch sehr erfolgreich und errang schon in jungen Jahren mehrere Championate und Siegertitel. Von 1963-1970 exportierte er Sächsische Brüster sämtlicher Farbenschläge in die Bundesrepublik Deutschland, nach Dänemark, Österreich und in die Schweiz.

Rudolf Schulze – hier mit seinem Enkel –
züchtet bereits in der 3.Generation Rassegeflügel
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Wie im Beruf war Schulze auch in der Geflügelzucht sehr vielseitig und erfolgreich. Über seine Kontakte zu Züchtern in der Bundesrepublik gelang es ihm, einen bis dahin noch nicht in der damaligen DDR vertretenen Farbenschlag der Antwerpener Bartzwerge einzuführen. So tauschte er 1964 mit seinem Zuchtfreund Mosler aus Bad Vilbel einige sehr feine Sächsische Brüster gegen ein Stämmchen schwarz-weißgescheckter Antwerpener Bartzwerge. Das war der Beginn einer zweiten, äußerst erfolgreichen Züchterkarriere. Wer die kleinen, lebhaften Zwerghühner einmal lieb gewonnen hat, bleibt ihnen meist ein ganzes Züchterleben lang verbunden. So war es auch bei Rudolf Schulze. Es blieb nicht bei den Schwarz-weißgescheckten. Bald kamen weiße, gesperberte und blaue (heute: perlgraue) Antwerpener Bartzwerge hinzu. „Den weißen Farbenschlag züchte ich mit meinen Enkeln, die Blauen habe ich an einen Zuchtfreund abgegeben“, sagte Schulze mir am Telefon. „Aber die Schwarz-weißgescheckten, die behalte ich für mich. Die züchte ich immer noch, schon über vierzig Jahre.“
Auch in den Organisationen der Geflügelzucht war Rudolf Schulze immer in verantwortlichen Positionen zu finden. Bereits 1953 trat er dem Geflügelverein von Langhennersdorf bei. 1955 wurde er Mitglied in der Spezialzuchtgemeinschaft (SZG) Sächsische Farbentauben. Anfang 1965 gründete er selbst den ersten Geflügelzuchtverein in Bräunsdorf. Er leitete den Verein bis 1985 als Vorsitzender. In die SZG Antwerpener Bartzwerge, der Schwesterorganisation unseres SV in der Bundesrepublik, trat er 1966 ein. Ab 1967 bis zur Wende 1989 war er in der SZG Antwerpener Bartzwerge in leitender Funktion tätig. Überörtlich war er auch viele Jahre als Mitglied des Kreisvorstandes Freiberg tätig, zuletzt als Schatzmeister.
Für den richtigen Aufschwung in der Zucht Antwerpener Bartzwerge sorgte Rudolf Schulze nicht nur züchterisch, sondern auch organisatorisch. Viermal -1969, 1973, 1977 und 1980 – organisierte er in Bräunsdorf DDR-offene Sonderschauen für Antwerpener Bartzwerge. Auch nach der Wende wurden weiterhin einige Sonderschauen von Rudolf Schulze durchgeführt. Sommertreffen fanden unter seiner Leitung 1969, 1972, 1984, 1990 und 1998 jeweils ebenfalls in Bräunsdorf statt.
Dieser züchterische und organisatorische Einsatz durfte einfach nicht unbelohnt bleiben. In beiden SZGs erhielt Rudolf Schulze sowohl die silberne als auch die goldene Ehrennadel. Die SZG Antwerpener Bartzwerge ernannte ihn zu ihrem Ehrenmitglied. 1996 erhielt er die goldene VDT-Nadel und die goldene Bundesnadel. Im April 1998 wurde als „Ehrenmeister des Sächsischen Landesverbandes“ ausgezeichnet. Ein weiterer Höhepunkt in seiner Laufbahn als Geflügelzüchter stand 2004 an: Oskar Rudolf Schulze wurde zum „Meister der Antwerpener Bartzwergzucht“ ernannt. Diese Auszeichnung hat er sich wahrlich verdient. Er ist als Züchter in der Praxis und im Verband ein Vorbild und hat sich um die Verbreitung der Bartzwergzucht verdient gemacht.
Dieter Keller